Wie viel Bildung müssen wir jungen Menschen mitgeben?
Vor einiger Zeit haben wir bei FIZE mit einem Offenen Brief eine bewusst grundsätzliche Frage gestellt: Ist es angesichts der Veränderungen unserer Gesellschaft wirklich noch zeitgemäß, über eine Abschwächung der Schulpflicht zu diskutieren – oder müssten wir eigentlich über das Gegenteil sprechen?
Unser Ausgangspunkt war dabei nicht die Forderung nach „mehr Schule“ um ihrer selbst willen. Uns beschäftigt vielmehr die Frage, welches Mindestniveau an Bildung junge Menschen heute benötigen, um ihr weiteres Leben selbstbestimmt gestalten und in einer zunehmend komplexen Arbeits- und Gesellschaftswelt bestehen zu können.
Deshalb haben wir unter anderem zur Diskussion gestellt, ob die Vollzeitschulpflicht künftig stärker an das Erreichen eines Bildungsziels statt allein an eine bestimmte Zahl absolvierter Schuljahre gekoppelt werden sollte. Ebenso haben wir gefragt, ob der heutige Hauptschulabschluss beziehungsweise die Berufsreife langfristig noch das Bildungsniveau darstellen sollte, mit dem die allgemeinbildende Schule ihren grundlegenden Auftrag als erfüllt betrachten kann.

Auf diesen Offenen Brief haben wir nun eine ausführliche Antwort aus dem Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Mecklenburg-Vorpommern erhalten. Dafür möchten wir ausdrücklich Danke sagen. Denn genau das war das Ziel unseres Offenen Briefes: keine fertige bildungspolitische Lösung zu verkünden, sondern eine Diskussion anzustoßen.
Die Antwort aus Mecklenburg-Vorpommern zeigt sehr anschaulich, warum diese Diskussion notwendig ist. Das Ministerium weist darauf hin, dass bereits die Berufsreife für eine Reihe von Schülerinnen und Schülern eine erhebliche Hürde darstellt. Ein erreichbarer erster Schulabschluss sei deshalb besonders für leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler von großer Bedeutung. Gleichzeitig verweist das Ministerium auf verschiedene Unterstützungsangebote: Frühwarnsysteme für abschlussgefährdete Jugendliche, ein freiwilliges zehntes Schuljahr, die Stärkung der Grundkompetenzen sowie Möglichkeiten, einen fehlenden Abschluss später beispielsweise im Berufsvorbereitungsjahr nachzuholen.
Und genau hier treffen zwei unterschiedliche Perspektiven aufeinander.
Die eine Perspektive fragt: Wie können wir sicherstellen, dass auch Schülerinnen und Schüler, für die bereits der heutige erste Abschluss eine große Hürde darstellt, einen erreichbaren und beruflich anschlussfähigen Abschluss erhalten? Diese Frage ist wichtig.
Wir bei FIZE stellen zusätzlich eine andere: Sollten wir den gesellschaftlichen Mindestanspruch an Bildung danach bestimmen, welches Niveau heute möglichst alle erreichen können – oder danach, welches Bildungs- und Kompetenzniveau junge Menschen künftig benötigen werden? Denn unsere Anforderungen werden nicht geringer. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern Berufsbilder. Informations- und Medienkompetenz werden wichtiger. Wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Zusammenhänge werden komplexer. Kritisches Denken, Problemlösungskompetenz und die Fähigkeit, sich immer wieder neues Wissen anzueignen, gewinnen an Bedeutung.
Wenn wir deshalb zu dem Ergebnis kommen, dass junge Menschen künftig mehr Kompetenzen benötigen, kann die Antwort aus unserer Sicht nicht sein, den Anspruch niedrig zu halten, weil ein Teil der Schülerinnen und Schüler bereits mit dem heutigen Niveau Schwierigkeiten hat. Die andere mögliche Antwort wäre: den Anspruch erhöhen – und gleichzeitig die Unterstützung erhöhen, damit möglichst viele dieses Niveau tatsächlich erreichen können. Damit verbindet sich für uns eine zweite grundsätzliche Frage. Mecklenburg-Vorpommern zeigt in seiner Antwort auf, welche Möglichkeiten nach der regulären Vollzeitschulpflicht bestehen, wenn ein Abschluss noch nicht erreicht wurde. Das ist wichtig und notwendig.
Wir fragen uns aber:
Welche Bildungsleistung sollte bereits die allgemeinbildende Schule selbst gewährleisten – und was dürfen oder wollen wir nachgelagerten Bildungswegen überlassen? Bemerkenswert ist dabei, dass das Ministerium selbst den Auftrag von Schule sehr umfassend beschreibt: Schule soll eben nicht nur Wissen vermitteln, sondern junge Menschen zu mündigen und leistungsfähigen Mitgliedern unserer Gesellschaft entwickeln.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zukunftsfrage: Welche Mindestkompetenzen braucht ein mündiger junger Mensch im Jahr 2030 oder 2040 – und wie muss Schule gestaltet sein, damit möglichst viele junge Menschen diese Kompetenzen erwerben können?
Wir haben darauf keine einfache Antwort. Und wir glauben auch nicht, dass es eine einfache Antwort gibt. Aber wir halten es für notwendig, die Frage zu stellen.
Unser ausdrücklicher Dank gilt deshalb dem Ministerium für Bildung und Kindertagesförderung Mecklenburg-Vorpommern für die ausführliche und sachliche Auseinandersetzung mit unserem Offenen Brief. Denn unterschiedliche Perspektiven sind kein Hindernis für einen Dialog. Sie sind sein Anfang.